Lava (7)

Der Tag weicht der Nacht, es beginnt zu dämmern, auch in mir. Ich stehe da, wie verloren in der Welt, in der Zeit, im Sein. Und doch ist es Tag, ist es Nacht. Und doch ist es hier und ist es dort.

Was bin ich?

Was sagt mir die Welt über mich?

Was kann sie mir mitteilen, was kann sie mir zuflüstern? Was höre ich nicht?

Wehmut überkommt mich, die Ordnung zu sehen und das Chaos . Wehmut über eine Vergangenheit die Spuren hinterlassen hat und sich eingegraben hat, wie ein fleißiger Maulwurf. Sich tiefe Tunnel gebaut hat, um auszuhöhlen, um Platz zu machen, für eine Welt die einsaugt und schmerzhaft zieht. Fleißig war er, wie er seine Gräben der Dunkelheit gebuddelt hat.

Sie sind da, sie lassen die Zeit hindurch wehen, den Tag und die Nacht.

Ich möchte sie fluten, durchspülen mit Neuem, möchte aus düsteren Tunneln, freie Wege machen.

Das Meer vor mir, es bewegt sich ruhig, rauscht mit einer selbstbestimmten Kraft übers Land. Es lässt sich nichts sagen, es lässt sich nicht brechen, es bleibt standhaft. Seine Gewalt, eine Erlösung für Unstetes.

Kann ich es dankbar annehmen überflutet zu werden? Vielleicht ertränkt im weiten Meer?

Ich will nicht warten, will es wissen, will es versuchen.

Ich springe ins eisige Element, tauche hinab, tauche vorwärts, was mein Atem hergibt. Die Küste entlang, mit kräftigen Bewegungen einfach weiter. Jedes Hinaus ein Hinein.

Ich sehe Fels, sehe strudelndes, aufgewirbeltes Wasser. Es wird warm um mich, Wellen von kalten und warmen Strömen ziehen an mir vorbei. Alles wirr und doch glasklar.

Eine Welt des Raunens, des Entsetzens, des Brennens vor mir. Lava rinnt ins Wasser, glüht und dampft. Heiße Gase steigen aus düsteren, grantigen Löchern heraus. Es schreit hier, es brüllt und singt. Lieder von Zorn und Schmerz. Ein mitreißender Gesang, der brennt auf der Haut, der sich wie eine feurige Welle durch den Körper schwappt. Tunnel flutet, kleine Äste bersten lässt.

Es zieht mich an, die glühende Grausamkeit vor mir, das brennende Meer im eisigen. Soll es mich vernichten, soll es mir alles sein. Soll es mich nehmen, soll es mich fressen.

Meine Haut beginnt sich wieder zu verändern, sie wird schwarz wie die versteinerte Lava, tief rot, wie die feurigen Lavaadern. Die Hitze wird zu meiner, das Dunkle zu mir.

Ein beißender Gedanke entkommt mir schreiend: „Erlöse mich!“

Ich strecke meinen Arm hinaus zum hart werdenden Gestein. Kralle meine Finger hinein, entreiße die verkrustete Oberfläche. Möchte sehen wie pures Feuer sich in meinen Augen anfühlt. Möchte spüren wie sich stechende Hitze auf meinen Händen anfühlt.

Ich sehe das brodelnde, weiß-rot glühende Loch, ein Brei des Zersetzend und Vereinnahmens. Und ich habe Hunger nach ihm. Strecke meine Hand hinein.

Es schauert mir, eine Schockwelle durchflutet mich, ein begonnener Kampf wurde zu Frieden. Die rote Masse fließt in meinen Arm, drückt sich die Tunnel entlang, umfließt die Wände des Fleißes, der Zeit, des Wartens. Soll es kommen, soll es trabend in mir entlang laufen, sich weiter züngeln, bis es mir alles ist was ich war.

Es brennt sich durch die Wege, fragt nicht, es macht. Fordert ein, was es rauben kann. Leise fließt es hinein in die Brust, spült hinein ins Herz, schwappt bei jedem Herzschlag gegen die Kammern. Wehmut; wo warst du nur so lange, erlösende Bosheit?

Es steigt mir tief traurig die Kehle hinauf. Die glühende Masse der treue Begleiter, den reckenden Hals hinauf. Hinauf in den Abgrund. Hinein in meine Seele, in jedes feinste Äderchen meiner Augen, bis sie feurig glühen, bis sie weinen vor Erschöpfung und Dankbarkeit. 

Mir dämmert es, es ist die Nacht, die mein Tag ist. Es dämmert mir, es ist der Schmerz der meine Erlösung ist. Es dämmert mir was ich bin. Es dämmert mir, was alles ist. Es dämmert mir, was kommen wird.

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