Mega-Tolle-Supereltern

Innere Ganzheit oder Erleuchtung würde ja bedeuten, dass man es schafft alle seine Persönlichkeitsanteile zu integrieren. Dann würde ein Zustand der Ruhe, des Friedens und der Freude eintreten.

Man würde sich frei und sicher fühlen. Negative Gefühle würden im Hintergrund immer mehr verschwimmen, weil es nichts mehr zu kämpfen, zu verteidigen gibt. Nichts mehr zu verstehen oder einzuordnen. Die innere Entropie würde sich zu einer vollkommenen Ordnung zusammensetzen. Alles lose Schwebende würde Halt finden, seinen Platz. 

Wer wünscht sich das nicht? Innere Ordnung und Frieden. Es wird egal was war, egal was kommt. Es hat einfach seine Richtigkeit im Hier und Jetzt.

Doch dieser Zustand ist nicht leicht zu erreichen und unzählige Hilfestellungen sind oft eine Sackgasse oder sogar ein Irrweg. 

Jeder Mensch trägt in sich ein Labyrinth, manche finden schneller heraus, oder zum Ziel, andere haben mit mehr Hindernissen zu kämpfen.

Es kann zum Beispiel entmutigen, wenn man denkt, dass man nicht weiterkommt. Oder es kann entmutigen, wenn man sich mit anderen vergleicht. Man kann auch leicht verzweifeln, wenn man immer wieder Rückschritte macht, oder die Zuversicht verliert.

Ich habe mich auf die Reise gemacht, nicht ohne Grund. Auch mit dem Wissen, dass es schmerzen wird. Aber eines habe ich nicht bedacht. Die Kraft des inneren verletzten Kindes, bzw. den Kampf zwischen meinem rationalen Teil und meinem verletzten Teil in mir.

Ich wollte „gesund“ werden, den Prozess durchmachen, damit ich neu beginnen kann. Aber in diesen Gedanken hat sich leider was mit eingenistet, der Gedanke: Du bist falsch, du musst dich ändern.

Ändern, damit ich so sein kann, dass mich andere mögen können, damit ich auch so durchs Leben gehen kann, wie die meisten anderen Menschen. Nicht mehr abgelehnt werde für meine Ansichten und meine Gefühle.

Einerseits war meine Überlegung: Wenn ich gut zu mir bin und mich mit Menschen umgebe, die auch gut zu mir sind, dann müsste alles gut werden.

Auf der anderen Seite haben negative Stimmen in mir geschrien. Schuldgefühle kamen, nach Abgrenzungen. Schamgefühle, nach Selbstbewertungen. Wut, nach Ungerechtigkeitsgefühlen.

„Warum zum Teufel muss ich mir jetzt nur so den Arsch aufreißen, wenn eigentlich andere Leute mich verkorkst haben?“

„Warum kann ich nur nicht so funktionieren, wie andere?“

„War ich zu egoistisch, dass ich jetzt meinen Weg gehe?“

Schnell habe ich verstanden, dass diese Gedanken nix bringen und einen nur lähmen, aber was macht man dann mit ihnen? Kurzes Zureden, dass alles okay so ist, wie es ist, hat nicht wirklich Früchte getragen. Sie kamen immer und immer wieder.

Und dann fühlte ich mich schon schlecht, weil ich mich schlecht fühlte. So viel Arbeit und jetzt komme ich noch immer nicht klar mit meinen Gefühlen, geh bitte.

Und die nächste Selbstverurteilung hat sich eingenistet. Jessas.

Weiter ging die Reise, bis ich auf einen Widerspruch in mir gestoßen bin. Mich verwirrte immer wieder eine Sache. In all den Büchern und weisen Aussagen kamen zwei Dinge gleichzeitig vor, die sich in mir widersprachen:

  1. Die Erklärung, dass heftige Gefühle meist ihren Ursprung in der Vergangenheit haben. Die eben getriggert werden und sich im entsprechenden Moment zeigen. Sie haben meist nichts mit der direkten Situation und den Menschen im Hier und Jetzt zu tun.
  2. Gehe liebevoll mit dir um, deine Gefühle haben einen Sinn und Nutzen. Nimm sie ernst und akzeptiere sie, als einen Teil von dir.

Beides getrennt ist ja einleuchtend. Es ist beides richtig. Aber wie kombiniert man das, und wie unterscheidet man die einzelnen Reaktionen. Also wie weiß man, ob eine Reaktion jetzt gerechtfertigt ist, weil eben ein Mensch sich gerade scheiße einem gegenüber verhalten hat und wie weiß man, ob es jetzt „nur“ getriggert wurde??

Das verursachte bei mir reinste Verwirrung.

Denn Punkt 1 wurde von mir so bewertet: Diese Gefühle sind unangebracht, und können Menschen weh tun, die vielleicht gar nix dafür können.

Um das zu vermeiden beobachtete ich mich sehr stark, aber die Verunsicherung ging nicht weg, ob es jetzt angebracht wäre, sich zu „wehren“, grantig zu sein etc. Denn könnte ja auch kompletter Blödsinn sein, und unfair dem anderen gegenüber. 

Pattsituation.

Bis mir die Lösung bewusst wurde. Die Bewertung war hinderlich. Denn am Anfang des Prozesses wird man nicht auskommen diese „unangebrachten“ Gefühle zu spüren, für sich alleine nicht und auch nicht in Gegenwart anderer. Verstoßen wir diese Gefühle, nehmen wir sie nicht ernst, oder schämen wir uns sogar dafür, dann tun wir uns selbst Gewalt an.

Alles was uns je verletzt, gekränkt und gedemütigt hat zeigt sich immer und immer wieder. Das an sich ist weder gut noch schlecht, es ist einfach so. Das was es eigentlich schlimm macht, ist die Wiederholung und die neuen Verletzungen die daraus entstehen. Ab hier darf man aber nicht wieder Schuldgefühle aufbauen, sondern Motivation für Veränderung. Das ist das Knifflige. Man müsste sich sozusagen eine Zeit lang einen Raum schaffen, wo man lernen will und kann. Man müsste zu sich sagen: Okay, das wird jetzt harte Arbeit und ich werde mich vielleicht öfters unangebracht verhalten, aber ihm vergleich zur Vergangenheit und der unveränderten Zukunft wäre das jetzt trotzdem was komplett anderes, weil ich mich mehr bewusst beobachten werde und mich zusätzlich ernster nehmen werde. Wenn ich wütend, traurig, gelangweilt, lustlos, gereizt, müde oder gekränkt bin, hat das einen Grund. Irgendwann ist da was komplett schief gegangen und davor möchte ich mich jetzt schützen.  

Einer der ganz großen Tipps ist der Dialog zwischen diesem verletzten Teil (verletztes, ungeliebtes Kind) und dem ruhigen, klugen Teil (liebevollen Erwachsenen) in einem. So simpel es sich anhört, so irritiert ist man dann, wie schwer das eigentlich ist.

Also für alle, die wenige bis gar keine liebevollen Vorbilder/Bezugspersonen hatten in ihrer Leben eine richtig schwierige Aufgabe. Man muss quasi in sich einen imaginären Freund erschaffen, einen Erwachsenen, der bedingungslos liebt, der geduldig ist, Verständnis hat und das Beste für einen will. Einen Jesus sozusagen, haha. Na vielleicht fällt mir da noch was besseres ein ;). Eine Supermama oder eben ein Superpapa.

Es geht darum, dass man etwas nachholt, eine tiefe, sichere Bindung und Urvertrauen.

Das klingt natürlich auch wieder nur nach Blabla, darum versuch ich es jetzt mal mit anderen Worten:

Wir wünschen uns alle Geborgenheit, Sicherheit, Anerkennung, Verständnis und Liebe. Das sind menschliche, natürliche Bedürfnisse. Wir brauchen sie, um uns gut zu fühlen. Wir brauchen sie, um gesund zu sein und zu bleiben. Wir brauchen sie, um wir selbst sein zu können und wachsen zu können.

Im Idealfall werden diese Bedürfnisse schon in der Kindheit gestillt, dadurch entsteht in einem sowas wie eine Basis/Festung, das Gefühl dass die Welt und man selbst okay ist. Darauf lässt sich dann vieles aufbauen.

Fehlt diese Basis wird alles weitere Aufgebaute wacklig. Zeit vergeht, es wird weiter gebastelt. Doch irgendwann bricht das Ganze ein, wie ein Jenga-Turm.

Natürlich will man schnell wieder weitermachen, wieder aufbauen etc. Aber man müsste mal kurz warten und überlegen: Okay, was ist da schief gelaufen? Wie könnte ich das stabiler bauen? Was bräuchte ich dazu?

Vielleicht glauben wir auch, dass wir noch was von Außen brauchen. Das ist naheliegend, wenn was fehlt, dann muss es ja irgendwo sein. Aber eigentlich ist es immer schon da gewesen, eben nur in uns selbst. Verschüttet, aber existent.

Da fällt mir noch was ganz Wichtiges ein. Wir müssen das nicht erdenken, wir müssen das erfühlen. Wir spüren es, wenn wir zufrieden mit uns sind, wenn wir glücklich sind, wenn wir stolz sind auf uns, wenn wir motiviert sind, wenn wir zuversichtlich sind. Es ist ein warmes, nach vorne gerichtetes, ausfüllendes, verankertes, strahlendes, fließendes Gefühl. Das darf unsere Basis werden 🙂

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