Selbst-Konstruktion

Die großen Fragen sind: Wie konstruiert sich das Selbst? Und wieviel davon kann man selbst verändern?

Das hat eine sehr große Bedeutung, weil es darum geht, ob wir unserem „Schicksal“ ausgeliefert sind, oder ob wir ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Letztens ist mir vor dem Schlafengehen folgende Abbildung eingefallen:

In der Mitte steht ein Mensch, der unterschiedlichen sozialen Einflüssen ausgesetzt ist.

Als Kind saugen wir diese Erfahrungen praktisch ungefiltert in uns auf und diese werden ein Teil von uns. Gesten, Worte, Verhaltensweisen von nahestehenden Menschen werden wahrgenommen und werden zu unserer Welt (äußeren&inneren).

Unsere Genetische Grundausstattung, hier, als Spielzeugwürfel dargestellt, lässt uns auf bestimmte Einflüsse eher reagieren. Beziehungsweise werden diese eher von uns wahrgenommen und somit auch eher integriert.

Die beobachteten Verhaltensweisen von den anderen Menschen können „konstruktiv“ und „destruktiv“ sein.

Es sind Strategien die eher lebensunterstützend oder eher lebenshemmend sind. Das bedeutet, dass wir also alles verinnerlichen was um uns herum abgeht, ob es förderlich oder hinderlich für unser weiteres Leben ist.

Das klingt jetzt mal nicht so toll, denn bis hier hin sind wir eigentlich, mehr oder weniger, unserer Umgebung ausgeliefert. Unser Selbst/Ich/Persönlichkeit kann nur das verinnerlichen, was auch tatsächlich in der Nähe existiert. Und das beinhaltet auch alle Rückmeldungen von Menschen uns gegenüber. Wie die Menschen uns wahrgenommen haben, wie sie mit uns umgegangen sind, was sie sich für uns gewunschen haben, was sie in uns sahen. Das wird dann alles zu unseren inneren Glaubenssätzen. War ich in den Augen der anderen ein Geschenk und liebenswert, dann werde ich diesen Gedanken, dieses Gefühl auch in mir tragen. Im Gegensatz dazu, werden negative Mitteilungen über mich ebenfalls in mir widerhallen. Das ist nicht ein Fehler von unserer Persönlichkeit, es ist eine logische Konsequenz.

Also bis hierhin sind wir tatsächlich „triviale Maschinen“. Diese Tatsache kann sich sehr schmerzlich anfühlen, weil es ungerecht wirkt. Aber es ist eine Sache, die nunmal unmöglich verändert werden kann und der man im Endeffekt nur mit Akzeptanz begegnen kann.

An dieser Stelle muss ich meinem Bruder sagen: Ja, du hast recht, wir sind bis zu einem bestimmten Zeitpunkt wirklich „nur“ das Produkt unserer Erfahrungen.

Aber(!) meine Ausführungen gehen weiter ;).

Dieses Repertoire in uns wirkt unbewusst, was in vielen Fällen kein Problem darstellt. Aber manchmal gehen uns verinnerlichte Teile gehörig auf den Keks. Dies geschieht, wenn die Teile sehr ausgeprägt + destruktiv + nicht bewusst sind. 

Und jetzt kommt das Knifflige: Wie konstruiere ich ein Selbst, welches mich unterstützt, wenn mir aber ausreichend konstruktive Teile fehlen? Und: Bin ich dann selbst in der Lage, diese nachträglich zu integrieren?

Das erste Problem, vor dem wir stehen: Wo finde ich die neuen, konstruktiven Teile? Braucht es dafür bestimmte Erfahrungen, Menschen oder gezielten Input? Man kann grundsätzlich sagen, dass jeder konstruktive Input (ob real oder fiktiv) nützlich ist. Leider arbeitet unser Gehirn aber immer nur mit dem was vorhanden ist, was jetzt eine Eigenproduktion von neuen Gedanken ziemlich einschränkt. Aber jeder Input, ob es nun Bücher, Recherchen, Filme usw. sind, alles kann Bewegung auslösen. Im Idealfall entsteht der Input aber aus Interaktionen mit anderen Menschen. Ein direktes, lebendes Vorbild spricht unser Gehirn am besten an und aktiviert eine Reihe von Prozessen in uns.

Das zweite Problem, vor dem wir stehen: Können wir diese Teile integrieren? Jein. Einerseits sind wir geprägt auf eine ganz bestimmte „Farbkombination“ und begeben uns deswegen auch immer wieder auf ähnliches Terrain. Zusätzlich wollen wir, falls wir wirklich Anderem begegnen unser altes Selbst schützen. Das ist ein ganz natürlicher Prozess, aber extrem hinderlich.

Und hier müssen wir den Nutzen erkennen können. Was eine vorherige Besichtigung der destruktiven Muster voraussetzt. Dies ist uns Menschen möglich, weil wir die Gabe haben über uns selbst nachdenken zu können. In diesem Prozess ist es hilfreich mindestens eine weitere Person an der Seite zu haben, für gemeinsames Reflektieren, weil der andere seine Perspektive miteinbringen kann.

Das dritte Problem, vor dem wir stehen: Sind definitiv unsere Gefühle. Wären wir ein Roboter, könnten wir diese Abfolge mit großer Wahrscheinlichkeit ziemlich schnell abhandeln. Doch wir sind fühlende Menschen. Was im ersten Moment, wie ein Hindernis wirkt, ist tatsächlich unsere Chance. Unsere Gefühle zeigen uns den Weg.

Wut die sich meldet, zeigt uns, dass wir unser Selbst schützen wollen/müssen. Traurigkeit, dass wir was verloren haben oder gedenken zu verlieren. Verzweiflung, dass uns helfende Teile in uns fehlen. Und so weiter, und  so weiter.

Einer der schwierigsten Hürden ist folgende:

Wenn wir die destruktiven Teile in uns ausfindig gemacht haben, dann werden wir unweigerlich beginnen sie zu hassen. Einfach aus dem Grund, weil sie uns so viel „angetan“ , verwehrt haben. Da diese Teile aber tatsächlich auch ein Teil von uns ist, arbeiten wir im wahrsten Sinne des Wortes gegen uns selbst.

Auf der einen Seite brauchen wir diese Wut dringend, um uns abzugrenzen. Auf der anderen Seite kann das zu einem fortwährenden Selbsthass führen.

Beispiel:

Mein Vater hat mich geschlagen. -> Ich hasse ihn.

Ein Teil in mir ist aber das Konstrukt „Vater“, somit lehne ich mich selber ab. Und das ist auch der Grund, warum so viele Ratgeber von Vergebung sprechen. Nicht weil wir dadurch zu moralisch besseren Menschen werden. Nein. Sondern wir brauchen diesen Schritt, um uns selbst annehmen zu können. Denn auch wenn viele Erfahrungen mit diesen Menschen richtig beschissen waren, sind sie dennoch ein Teil von uns. Und wenn wir ganz, ganz ehrlich sind, dann sind es bestimmt nicht nur negative Erfahrungen.

Da wären wir auch schon bei der Liebe :).

Liebe ist eine Perspektive. Es ist die Möglichkeit, uns selbst und andere in einem wohlwollenden Licht zu betrachten. Uns alle, als eine Einheit sehen zu können, verbunden. Darum würde es auch wenig Sinn machen gegen jemanden zu agieren, weil man dann automatisch gegen sich selbst agiert.

Liebe bedeutet aber nicht (!), sich alles gefallen zu lassen, oder den anderen als fehlerlos zu betrachten. Denn auch das würde uns selbst schaden. 

Könnten wir also jede Begegnung als Möglichkeit, vielleicht sogar als Geschenk ansehen, dann würden wir uns höchstwahrscheinlich entspannen. Und könnten wir auch den Menschen wohlwollend/liebevoll begegnen, die uns destruktives Verhalten zeigen, dann könnten wir bestimmt auch uns selbst begegnen. Sie sind ja auch ein Teil von uns, bzw. werden es spätestens, wenn wir mit ihnen zu tun haben.

Hier muss aber erwähnt werden, dass wir nicht jeden Einfluss in uns integrieren müssen. Ganz und gar nicht! Wir dürfen und sollten sogar dafür sorgen, dass wir uns auf förderliche Teile konzentrieren. Und wir haben absolut das Recht zu nicht förderlichen Einflüssen „Nein!“ zu sagen. „Nene, das will ich nicht in mir aufnehmen, das kannst du bitte bei dir behalten.“

Ab einem bestimmten Punkt werden wir fähiger, selbstbestimmter und kreativer. Unser innerer Regenbogen wir in einem Entwicklungsprozess, was Zeit braucht (!), zu innerem Reichtum.

Schaffen wir es also, weder uns noch andere dafür zu verurteilen, dass wir noch nicht perfekt sind, dann haben wir ebenfalls einen mega wichtigen Teil in uns integriert. Dieser steht zwar leider oft dem gegenüber was wir in unserer Gesellschaft beobachten können, weil diese einen hohen Fokus auf Fehlerfreiheit und gute Funktionstüchtigkeit hat. Trotzdem können wir uns gegenseitig darin bestätigen, dass eine andere Perspektive genauso wichtig ist, wenn nicht sogar wichtiger.

Einer der Grundbedürfnisse des Menschen ist Gesehen-werden-wollen. Das sagt sich so schnell, aber muss man sich tatsächlich vorstellen, wie Nahrung. Wir gehen ein, wenn wir nicht gesehen werden. Wir verarmen innerlich, sterben. Und andersrum gehen wir auf, sind wir motiviert, lebenslustig, wenn wir direkte Rückmeldung bekommen von anderen.

Leider ist diese Fähigkeit mit dem anderen in Resonanz zu gehen sehr rar vertreten. Relativ wenige Menschen haben diese Fähigkeit in sich integriert und so kann sie auch nicht weitergegeben werden.

Sich geduldig auf einen anderen Menschen einstimmen, diesem so unvoreingenommen wie möglich zuzuhören und sich dafür bereitzuerklären seine Geschichte anzuhören, wird vielleicht bald nur mehr bei Psychotherapeuten aufzufinden sein. Schade eigentlich, erstrecht wenn man bedenkt, dass sich nicht jeder eine Psychotherapie leisten kann bzw. es eine Herausforderung sein kann den passenden Therapeuten zu finden.

Das vierte Problem, vor dem wir stehen: Ist der Anpassungsdruck. Umso mehr Menschen in unserer Umgebung eine einheitliche Meinung vertreten, umso mehr sind wir gewillt uns dieser zu beugen. Logisch eigentlich. Wir sind soziale Wesen, und keiner möchte ausgeschlossen werden. Denn dies verursacht reale Schmerzen.

Kann man dann überhaupt eine eigene Perspektive aufbauen? Ja, aber nur wenn man Distanz aushält. Dies ist aber eine andere Geschichte…

 

 

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