Gute Frage

Sitze ich vor einem Blatt Papier mit der Frage „Was sind deine Stärken?“, bin ich ratlos.

Was sind denn deine Stärken? Stärken, die andere als solche bezeichnen? Was sind heutzutage Stärken? Durchsetzungskraft vielleicht, oder Flexibilität, oder sogar Pünktlichkeit?

Ist es das was mich ausmacht? Ist es das, was ich verkaufen kann, an den Markt bringen? Und was ist, wenn ich sowas nicht habe? Was ist wenn meine „Stärken“ ganz andere Sachen sind. 

Lange Zeit habe ich mich gefragt, was hat es denn auf sich mit Charaktereigenschaften, wo beginnt das unveränderliche Wesen einer Person, und wo beginnt der Rest. Und warum zum Kuckuck gibt es Menschen die so ganz anders sind als andere. Warum werden die nicht geschätzt, warum haben die einfach dadurch einen Nachteil, weil sie einfach in der Minderzahl sind.

Könnte ja dann erstrecht was Besonderes sein.

Zum Beispiel ist es wissenschaftlich belegt, dass Extravertiertheit und Introvertiertheit angeboren ist. Die Babys verhalten sich schon von Geburt an unterschiedlich. Nehmen die Umwelt anders wahr und reagieren dementsprechend.

Und dann gibt es noch die Idee der Hochsensiblen Menschen auf der Welt. Dass zirka zwanzig Prozent der Menschen hochsensibel geboren werden. Sie nehmen mehr Reize wahr und müssen somit auch mehr verarbeiten.

Aber auch hier gibt es einen Bereich der dem sehr ähnelt, nämlich traumatisierte Personen. Auch diese werden sensibler. Und somit ist bis heute nicht geklärt, ob Hochsensibilität überhaupt angeboren sein kann.

Denn was würde es denn bedeuten, wenn es wahr wäre? Es würde vielleicht bedeuten, dass wir vielen Menschen Unrecht antaten. Sie für ihr Wesen schon verurteilt haben. „Die sollen doch nicht so zimperlich sein!“

Traurig wäre das.

Aber es wäre auch traurig, wenn es so wäre, dass das vielleicht traumatisierte Menschen sind. Vollkommen verunsichert von der Welt, die einfach bissl mehr Feingefühl und Unterstützung bräuchten.

Und es gibt noch eine Variante, die gar nicht so unwahrscheinlich ist. Es kann sein, dass man wirklich hochsensibel geboren wird und durch das grobe Verhalten anderer Menschen leichter traumatisiert wird, als vielleicht andere Personen mit anderen Charaktereigenschaften.

Vielleicht brauchen diese Menschen einfach eine liebevollere Umgebung, mehr Raum für sich und mehr Zeit um ihre Eindrücke verarbeiten zu können.

Es kann besonders kränkend sein, wenn man für sein Wesen abgelehnt wird. Es kann sehr verletzend sein, wenn man ständig so behandelt wird, als wäre man falsch, unzureichend oder zu kompliziert.

Es kann sehr zermürbend sein, wenn man nicht verstanden wird, wenn man merkt, dass andere eine komplett andere Wahrnehmung haben. Man fühlt sich alleine. Man ist alleine.

Auch wenn die Wahrnehmung gar nicht falsch ist, auch wenn man selbst nicht falsch ist, wird es sich früher oder später so anfühlen.

Selbstannahme und Selbstliebe sind Geschwister. Sie brauchen einander, sie ergänzen einander. Das gilt auch umgekehrt, Selbstablehnung und Selbsthass.

Wird man wiederholt abgelehnt für sein Wesen, dann wird es richtig schwer da noch bei sich zu bleiben und zu denken: „Hey, die spinnen ja, ich bin trotzdem richtig und liebenswert, basta!“

Der Grund ist sehr simpel, man braucht soziale positive Rückmeldung zum Überleben, für das Wohlbefinden, für seine Gesundheit. Leider brauchen wir auch unsere persönliche Integrität, bedingungslose Liebe und Anerkennung für das was wir sind.

Wenn sich das beißt, dann sind wir in einem Konflikt. Der ziemlich hässlich ist.

Kein Mensch auf dieser Welt möchte abgelehnt werden, für das was er ist. Denn egal was er tut, egal wie sehr er sich bemüht, er kann das nicht ändern, er kann nicht wer anderer sein. Er kann versuchen sich anders zu verhalten, er kann sich anpassen und sich zeigen, wie andere ihn haben wollen. Aber wie lange? Wie lange kann er nicht er selbst sein?

Er opfert seine Lebendigkeit, um dazuzugehören, nicht alleine zu sein, nicht ausgeschlossen, nicht verdammt.

Das ist aber kompletter Blödsinn. Das ist idiotisch. Nur weil andere Menschen einen nicht schätzen können, heißt das bitte nicht, dass man falsch ist. Diese Menschen sind einfach nur blind für den Schatz, oder eifersüchtig, oder haben Angst, oder was weiß ich.

Sie verurteilen vielleicht die Feinfühligen, weil sie nicht so funktionieren, wie sie selber. Vielleicht verunsichert es sie auch, weil diese Menschen anders sind, und sie sich nicht so spiegeln können. Vielleicht erzeugt es aber auch eine Unruhe in ihnen, weil sie diese Menschen nicht einschätzen können. 

Wie auch immer, ist mir auch scheiß egal. Mich macht das wütend. Diese gestörten Behinderten. Emotional Verkrüppelten. Ohne Feingefühl für Grenzen der anderen. Wollen das alles um sie herum gleich ist, gleich wie sie. Na dann kochts mal ruhig euren Einheitsbrei. 

Für mich gilt eine komplett andere Devise, ich glaube, dass jeder was Besonderes ist. Und nur weil er noch nicht die Chance hatte es zu zeigen, heißt das nicht, dass es nicht da ist.  Vielleicht muss er es nur verbergen, weil er sonst von den Verkrüppelten abgelehnt wird. Und das ist echt keine Leistung, die man sich wie ein Abzeichen an den Mantel stecken kann. Nein, das ist einfach bescheuert, vollkommen gestört. Gerade dadurch, weil sich die anderen selbst ablehnen, wenn sie das tun. Denn wir alle sind ein Konstrukt aus sehr sehr vielen unterschiedlichen Eigenschaften, also tragen auch die Verkrüppelten irgendwo in sich einen sensiblen Teil.

Manchmal glaube ich echt ich spinne. Wie kann es bitte sein, dass so viele Menschen gar kein Gefühl mehr dafür haben, was in anderen vorgeht. Wie kann es sein, dass so viele Menschen so eigenartig miteinander umgehen. Was ist da bitte los? Warum gibt es fast keine echten Freundschaften mehr, keine liebevollen Beziehungen? Warum gibt es so viele Ausbeuterbetriebe, wo die Menschen wie eine Ware behandelt werden? Und warum zum Teufel wird das immer schlimmer? Warum wird es normal? Wo ist da eigentlich die Gegenfraktion? Die Leute die sagen: „Fuck, wir müssen da was unternehmen! So kann das nicht weitergehen. Wir Menschen brauchen doch Gemeinschaft, echte. Keine Pseudo-Facebookfreunde, keine oberflächlichen Tinder-Bekanntschaften. Wir brauchen tragfähige, stabile Beziehungen, auf die wir uns verlassen können. Wo beide drauf und dran sind, dass das klappt. Die Beziehungsarbeit leisten, nicht weil sie müssen, nein, weil sie wollen!“

Wir wurden doch alle anders geboren bitte. Wir waren doch alle mal klein und verletzlich. Wir waren alle mal Kinder, die wollten, dass mit uns gut umgegangen wird. Das ändert sich doch bitte nicht, wenn wir paar Jahre mehr am Buckel haben. Das ist ein Grundbedürfnis (!).

Oder gibt es sowas wie eine ungeschriebene Regel, dass man grob miteinander umgehen kann, wenn man Erwachsen ist? Dass man tun und lassen darf was man will, einfach weil man es will, wurscht was das mit anderen macht?

Das ist doch ein scheiß Gesellschaftskonzept. Das ist eine scheiß Kultur. 

Alles wird bewertet, wird geliked und disliked. Komplett irre.

In Ausbildungen wird man bewertet, wie korrekt man das wiedergeben kann, was andere gesagt haben. Häää? Das ist nicht lernen. Das ist gar nix. Das ist Gehirnwäsche noch am ehesten. Oder Persönlichkeitswäsche, haha.

Ich bin richtig schockiert.

Aber abgesehen von diesem Zustand, was soll man damit machen? Das ist wirklich eine gute Frage…

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