Der Landgang (3)

Das Wasser umgibt mich, umhüllt meinen Körper, wie eine zweite Haut. Ich werde aber nicht hier bleiben. Ich tauche Richtung Land, wo meine Beine wieder Grund aufnehmen können. Wo sie rennen können, wenn sie wollen. Ich möchte wissen, was sie können.

Ich strecke meinen Kopf aus dem Wasser, und atme wieder Luft. Rieche wieder eine Brise, die Vegetation verspricht. Es ist ein erfrischendes Gefühl, es erinnert an Vielfalt, an andere Lebewesen. Ein blauer Himmel über mir, ein Stück Land vor mir.

Ich strampel mich zum Strand. Spüre unter mir Steine und Sand. Sie geben meinen Beinen Halt. Luft und Land verdrängt, dort wo Wasser herrschte. Neue Elemente werden mit meinem Körper Frieden schließen müssen.

Zaghaft beginne ich mich aufzurichten. Scheinbare Vergessenheit, wie man aufrecht geht, macht sich breit. Oder ist es Angst?

Ich sehe an mir hinunter und erkenne, ich bin noch immer bedeckt von meinen Schuppen. Habe nicht zurückgelassen, was mir das Meer geschenkt hat. Wird mich dieses Geschenk weiterhin begleiten?

Ich gehe auf Entdeckungsreise. Meine Neugierde ist mein Antrieb, möchte herausfinden, was herausfindbar ist. Ich nehme die Welt um mich wahr und stelle fest, dass sie chaotisch ist. Das Chaos in der Natur lässt meine Augen friedlich umherschweifen, sie können kein Muster erkennen, können sich an keinem Muster anhaften, aufhängen. So schweift mein Blick weiter umher. Es ist beruhigend, so zu verschmelzen, mein innerliches Chaos mit der Umgebung. Alles fühlt sich richtig an.

Nun stehe ich vor einem Menschen, seine Haut so anders als meine. Ich sehe Verwunderung in seinen Augen. Nein, ich sehe Ekel. Ich beginne mich zu schämen, für meine Bekleidung, die nicht abstreifbar ist. Ich wünsche mir, mich von ihr befreien zu können. Möchte vernichten, was mit mir an jeder Hautzelle verbunden ist. Gott, welches Geschenk hast du mir da gemacht?!

Ich versuche mit Worten wettzumachen, was mein Aussehen beim Gegenüber ausgelöst hat, ohne Erfolg. Der Fremde behält diesen Ausdruck in seinem Gesicht bei. Jegliche Hoffnung auf Verständnis in den Boden gestampft.

Ich verschwinde im Gebüsch, ertrage diesen Blick nicht mehr länger. Suche im uneinsichtigen Gestrüpp Schutz. Die Blätter streifen meine Schuppen, sie scheinen unbeeindruckt, sie stören sich nicht an ihnen.

Es zieht mich zurück zum Strand. Meine Füße hinterlassen eine Spur. Sie erzählen die Geschichte eines Menschen, offenbar – sind es nicht menschliche Fußabdrücke!?

Meine Zehen vergraben sich in dem nassen Sand, Wasser spült über sie hinweg. Es kommt und geht. Schwappt über meine Haut, und zieht sich wieder zurück. Ein Kommen und Gehen. Hier stehe ich nun, an der Grenze zweier Welten. Verbunden mit der Erde, verbunden mit dem Meer. Kann ich hier bleiben, für immer? Stehend zwischen zwei Welten? Wird mich eine verstoßen? Wird mich eine zu einer Entscheidung zwingen?

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