Selbstunterdrückung

Was ist ein gutes Leben? Empfinden wir unser Leben nicht als gut, wenn es sich stimmig und lebendig anfühlt? Und was hält uns davon ab, es genauso zu gestalten?

Warum geraten wir immer wieder in Konflikte, die unsere Energie stagnieren lässt, die uns lähmt? Was ist Motivation, was ist Leben, was sind wir? Und wie führt man das zusammen, sodass alles stimmig ist?

Auf meiner Reise habe ich verstanden, dass es viele hinderliche Mechanismen gibt, aber wo sind die Förderlichen? Und es kann doch nicht sein, dass ein gutes Leben nur aus einem förderlichen Umfeld entsteht. Es kann doch nicht sein, dass wir so abhängig sind.

Und doch sind wir zu einem Teil abhängig, unsere Existenz ist immer in einem Feld verortet. Und manchmal wenn wir das nicht ertragen suchen wir Zuflucht in ertragbareren Welten. Gedachten.

Wird alles zu schwer beginnen wir uns aufzulösen. Weil die eigene Existenz keinen befriedigenden Platz findet. Der Kontakt wird abgebrochen. Scheinbar zur äußeren Welt, doch in Wirklichkeit hat sich das Selbst verloren und im Stich gelassen.

Aber wer tut dies schon mit Absicht. Wer möchte sich schon selbst vernichten? Hinterlässt es nicht einen fast nicht ertragbaren Schmerz nicht leben zu können?

Suhlen wir uns nicht in Mitleid, wenn wir wieder gescheitert sind, obwohl wir es doch anders wollten? Wir blicken in den weiten Himmel und wünschen uns, dass er endlich zu unserem wird.

Die Sehnsucht nach Erlösung. Erlösung von was überhaupt? Von uns selbst?

Was sagt uns unsere Umwelt darüber, was ein gutes Leben ist? Flüstert sie uns nicht ständig Ratschläge zu, wie wir zu leben oder zu sein haben. Wann wir “gut“ sind, wann gemocht, vielleicht sogar irgendwann geliebt werden. Und beginnen wir nicht unsere Wege nach diesem auszurichten, um endlich die innere Wunde heilen zu können?

Im Endeffekt wird sie aber nur größer. Wir erkennen, dass alle Bemühungen zum Scheitern verurteilt sind. Wir haben all das nicht für uns getan, sondern um den Schmerz zu vermeiden abgelehnt zu werden. Und stehen jetzt mickriger da als zuvor.

Unweigerlich danach kommt die Scham. Weder echte Liebe erfahren zu haben, noch für sich eingestanden zu sein.

Wir sind alle nicht gefeit davor. Es ist ein existentieller Kampf. Die große Frage ist nur: Wie bewältigt man ihn?

Das Scheitern ist uns schon bekannt, und es gibt viele Möglichkeiten zu scheitern. Oft versuchen wir dann gar nichts mehr, weil wir denken, dass es eh nicht funktionieren wird. Dann ist unsere Energie komplett gebunden. Verschlossen, irgendwo im Inneren komprimiert zu einem winzigen Punkt. Die kleinste Ausdehnung macht Angst.

Lange habe ich nach Lösungen gesucht. Und alle waren Anpassungsversuche. Ich dachte, wenn man die Welt nicht verändern kann, dann kann ich mich vielleicht verändern. Und die Idee, dass das Gehirn sich ja verändern kann brachte Erleichterung. Ein Marathon an Recherchen, Selbstreflektionen und Selbstexperimenten begann. Aber es stellte sich nie das gewünschte Ergebnis ein. Darauf folgte immer und immer wieder ein Wechselbad von: Was stimmt mit mir nicht? Was stimmt mit der Welt nicht?

Viele Aussagen geißelten mich, einfach deswegen, weil sie für andere funktionierten, aber für mich nicht.

Und ganz selten hatte ich den Gedanken: Scheiß einfach drauf. Mach es einfach so, wie du willst!

Diese gesunde Aggression blieb aber nicht beständig, kaum wurde sie von Außen negativ betrachtet zerbrach sie auch schon wieder in winzige Teile.

Ich hatte immer schon das Gefühl, dass es auf dieser Welt für mich keinen Platz gibt. Als würde die Welt mir keinen Platz zur Verfügung stellen. Und dieses Gefühl kommt sicher nicht von irgendwoher. Natürlich musste ich Erfahrungen machen, die dieses Gefühl überhaupt kreierte. Und so eierte ich in der Welt herum. Von einem Ort zum anderen, erfahrend, dass ich auch dort nicht willkommen bin. Bis sich eine komplette Lähmung einstellte.

Irgendwann richtete sich die Aggression über diesen Zustand nicht mehr gegen mich selbst, sondern gegen meine Umwelt. Was sich befreiend anfühlte. Später dann mit Schuldgefühlen einherging.

Ich erlaubte mir eine zeitlang mich auszudehnen und meinen Platz so zu definieren, wie ich wollte. Aufzunehmen was mir gut tat, abzustoßen was ich nicht mochte.

Aber das Gehirn liebt Gewohnheiten, und das Bild vom angepassten Selbst überfloss wieder alle Gedanken. „Wenn du so bist, wird dich niemand lieben!“

Dann kam Selbsthass: „Du bist so ein erbärmliches Miststück, hast du noch immer nix gelernt? Für was die ganzen Anstrengungen, wenn dann alles wieder so wird wie früher?“

„Alles so wird wie früher.“ „Alles so bleibt wie immer.“ AHHH. Und die Panik kommt.

Ab diesem Punkt kann man eigentlich gar nicht mehr klar denken. Man befindet sich in einem Katastrophenszenario, auf einem Schlachtfeld, in einem Überlebenskampf. Es zwingt einem in einen dichten Nebel, in eine Zermürbtheit. Und man denkt, dass dieser Zustand länger so bleiben wird.

Dieser Rückfall wirkt wie eine komplette Niederlage. Und die Panik wird größer, weil die Kontrolle verschwindet. Hat man nicht so viel getan, um endlich Kontrolle über sein Leben zu bekommen? Und jetzt, mit einem mal, alles weg.

Diese verflixte Idee von der Kontrolle. Diese verflixte Idee von linearem Leben. Leben lässt sich doch gar nicht kontrollieren. Und leiden wir nicht am Meisten darunter, wenn wir was kontrollieren wollen, was nicht zu kontrollieren ist?

Bei diesem Dilemma sprechen viele von Vertrauen, als rettende Lösung. Vertrauen in sich und die Welt haben. Was ja schön klingt, aber für einen Neurotiker komplette Illusion ist. Sind es nicht genau diese frustrierenden Erfahrungen gewesen, die mit gebrochenem Vertrauen zu tun hatten, die einem zu dem gemacht haben der man heute ist?

Heute würde ich sagen, dass meine Ängstlichkeit der Welt gegenüber berechtigt ist. Sie hat mir in der Vergangenheit wenig Sicherheit geboten. Somit habe ich ein Recht auf meine Reaktion, sie hat also eine Lebensberechtigung. Und ich sehe es nicht in meiner Verantwortung der Welt zu beweisen, dass ich liebenswert bin. Und auch nicht, dass ich ihnen Vertrauen im Vorfeld schenken muss, damit sie sich vertrauenswürdig verhalten kann. Nana, so geht das nicht. Ich habe keine Bringschuld oder so einen Scheiß. Ich muss auch niemanden verzeihen, wenn ich nicht möchte. Ich muss kein Gandhi sein oder Buddha. Diese Existenzen wurden ohnehin schon ausgefüllt, es geht ja um meine eigene.

Wir haben eine sehr widersprüchliche Gesellschaft. Auf der einen Seite ein System was nur funktioniert, wenn sich alle brav anpassen. Auf der anderen Seite den Drang jedes einzelnen sich selbst zu verwirklichen. Und Selbsthilfebücher überschwemmen die Läden, alle mit dem indirekten Versprechen dein Leben zu verbessern, oder sogar von heute auf morgen vollständig zu verändern. Was natürlich Blödsinn ist, aber die übergroße Sehnsucht danach vernebelt die Realität. Vielleicht hat es ja auch mit unserer Betrugsaversion zu tun ;). „Können ja nicht alle Scharlatane sein.“

Sind sie auch bestimmt nicht alle. Aber komischerweise erwähnt fast niemand die gesunde Aggression. Darum muss ich heute davon ausgehen, dass sie alle eben nur einen Weg gefunden haben angepasst zu sein und trotzdem “zufrieden“. Was in manchen Fällen vielleicht wieder nur einem Selbstbetrug gleichkommt. 

Selbstbetrug, Selbstaufgabe, Selbstunterdrückung. Opferung des eigenen Selbst.

Wenn ich die Person bin, die meine Ganzheit opfert, für andere, für das Dazugehören, was bin ich dann? Ein Dummkopf könnte man sagen oder verzweifelt. Oder einfach ein Mensch der versucht zu überleben. Aber ist Überleben gleichzusetzen mit einem guten Leben?

Was passiert, wenn man das Risiko eingeht man selbst zu sein? Warten nur Vernichtung, Demütigung und Einsamkeit auf einem? Oder sind diese gerade präsent, wenn man das Risiko nicht eingeht?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code