Zitat

Das Selbst ent-wickeln

Buch: Gestalttherapie – Frederick S. Perls/Ralph F. Hefferline/Paul Goodman

Die Beschreibung psychischer Gesundheit und Krankheit ist einfach. Es ist eine Sache der Identifikationen und Entfremdungen des Selbst:

Wenn sich jemand mit seinem gestaltenden Selbst identifiziert, seine kreative Erregung und sein Streben nach der künftigen Lösung nicht blockiert; und umgekehrt, wenn er das zurückweist, was organisch nicht zu ihm gehört und daher nicht von vitalem Interesse sein kann, sondern nur den Figur/Hintergrundprozeß unterbricht, dann ist er im psychologischen Sinn gesund, denn er nutzt seine besten Kräfte und tut das Beste, was er unter den schwierigen Bedingungen in dieser Welt tun kann. Wenn er im Gegensatz dazu von sich selbst entfremdet ist und seine eigene Spontaneität wegen falscher Identifikationen unterdrückt, dann wird sein Leben dumpf, verwirrend und schmerzvoll. (…)

Wir werden nachzuweisen versuchen, daß zumindest das Vernichten, Zerstören, die Initiative und die Wut für Wachstum im Organismus/Umweltfeld wesentlich sind. (…)

Jeder Organismus wächst in seinem Feld, indem er Neues aufnimmt, verdaut und assimiliert, und dies erfordert es, daß die bestehende Form in seine assimilierbaren Elemente zerlegt wird, (…). (…)

Denn bei Neurosen ist das Bestreben, siegreich zu sein, zentral; und bei diesem Ziel gibt es ein leicht verfügbares Opfer, das Selbst. Neurose kann also als Selbstunterdrückung betrachtet werden. (…)

Neurose ist vielmehr die vorzeitige Befriedung des Konflikts; sie ist ein Feststecken, ein Waffenstillstand oder eine Abstumpfung zur Vermeidung weiterer Konflikte; in anderer Hinsicht manifestiert sich Neurose im Bedürfnis, bei kleinlichen Kämpfen zu siegen, als ob damit die darunterliegende Demütigung wettgemacht werden könnte. (…)

Im Augenblick des Höhepunkts eines Konflikts und der Verzweiflung reagiert der Organismus, indem er sich auslöscht (…). (…) Es gibt jedoch einen leeren Raum in der Figur, denn der allgemeine Kontext des Bedürfnisses, der Gelegenheit, der Schwierigkeit usw. bleibt gleich; die Selbstbehauptung, die den zentralen Platz im Konflikt einnahm, fehlt jetzt nämlich. Dieser leere Raum wird jetzt durch die Identifikation mit einer anderen Person gefüllt, nämlich der Person, die den Konflikt unerträglich hat werden lassen und die einen dazu veranlaßte zu resignieren. Diese Person ist normalerweise jemand, der sowohl gefürchtet als auch geliebt wird – der Konflikt wird aus Furcht vermieden, aber auch, um keine Ablehnung zu riskieren – und jetzt wird diese Person zu >> einem selbst <<. Statt also das Selbst weiter zu stärken, zu dem es durch die unbekannte Lösung werden würde, intojiziert man jenes andere Selbst. (…)

Wenn sich der Konflikt ausgetobt hat und zu einer kreativen Lösung durch Veränderung und Assimilation der sich bekämpfenden Faktoren gelangt ist, stellt sich Entlastung vom Leiden und die entsprechende Erregung angesichts des neu geschaffenen Ganzen ein. (…)

Die Furchtsamkeit vor der eigenen Kreativität hat zwei Quellen: der Schmerz der ansteigenden Erregung selbst (ursprünglich die >>Furcht vor dem Trieb<<) und die Furcht davor, zurückzuweisen oder zurückgewiesen zu werden, zu zerstören, Veränderungen vorzunehmen; diese beiden Befürchtungen verstärken sich gegenseitig und sind im Grunde ein und dasselbe. Im Gegensatz dazu steht ein Gefühl von >>Sicherheit<<, das aus dem Festhalten am status quo resultiert, an den erfolgreichen Anpassungen der Vergangenheit. Die neue Erregung droht, diese Sicherheit vollkommen zu erschüttern. (…)

Wo das Selbst jedoch auf Kräfte zurückgreifen kann, hat es eben kein Gefühl der Sicherheit. Vielleicht spürt es eine Bereitschaft: das Akzeptieren von Erregung, ein bestimmtes Maß an närrischem Optimismus hinsichtlich der Veränderbarkeit der Wirklichkeit und ein habituelles Sich-daran-Erinnern, daß der Organismus sich schon selbst reguliert und am Ende nicht zugrunde oder in die Luft geht. (…) Die Antwort auf die Frage >>Kannst Du das?<< kann nur sein: >>Das interessiert mich!<< (…)

In der Therapie wird im Gegensatz dazu der Moment der Unterbrechung zum interessanten Problem, zum Gegenstand der Konzentration gemacht. Die Fragen lauten: >>Was hindert dich?<<, >>Wie sieht es aus?<<, >>Wie spüre ich meine Muskeln dabei?<<, >>Wo ist es in der Umwelt?<< usw. (…)

Wenn er einige seiner Kräfte abgespalten hat, kann er sich mit seiner eigenen Abspaltung als einem absichtlichen Akt identifizieren; er kann sagen: >>Ich bin es, der dies tut und jenes verhindert.<< Die letzte Phase des Erlebens ist jedoch nicht Gegenstand der Therapie: Es liegt am Patienten, sich mit seinen Interessen für das, was ihm wichtig ist, zu identifizieren und in der Lage zu sein, das, was für ihn bedeutungslos ist, auszusortieren. (…)

Frederick S. Perls/Ralph F. Hefferline/Paul Goodman

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