Wanderlust

Sehr fein, bin wieder auf ein schönes Puzzleteil gestoßen, was ich mal versuche einzufügen.

Meine Spur mit Konformitätsdruck, Gesellschaftskultur und Selbstbestimmung war schon ganz gut, aber hab jetzt glaub ich bald die Essenz raus.

Dafür muss ich mir mal ein paar hängengebliebene Aussagen hernehmen…

Also, Arno Gruen hat mich mit einer Perspektive sehr beeindruckt. Er erklärt einen sehr spannenden Effekt in der Kindheit. Werden die Wahrnehmungen vom Kind nicht ernst genommen, bzw. sieht es, dass es nicht geliebt wird, dann macht es Folgendes, es sieht diesen Zustand als eigenen Fehler. Es erhält sich selbst am Leben, indem es das „makellose“ Bild der Eltern schützt, damit es weiter versorgt werden kann. Denn das Kind kann nicht sauer sein auf seine Eltern, weil es sonst verstoßen wird. Somit übernimmt das Kind die Verantwortung für die Lieblosigkeit der Eltern und sagt zu sich: Mit mir ist etwas falsch, deswegen werde ich nicht geliebt.

Der Preis: Der Hass auf das eigene Selbst.

Eine ähnliche Aussage, nur mit der Verbindung zu Scham, äußert Francis Weller (zitiert von Niederwieser in seinem Buch):

„Die Unfähigkeit anderer, uns als Kind angemessen zu begegnen, als wir eine schmerzhafte Erfahrung gemacht haben, halten wir für den Beweis, dass wir von Grund auf schlecht sind und die Umarmung der Liebe nicht verdient haben.“

Und das richtig Heftige daran, es kann passieren, dass wir das ein Leben lang glauben. Es brennt sich in uns ein. Wird zu einem Bestandteil von uns, oder sogar zu unserer „Identität“.

Und wenn wir unsere lieblose Gesellschaftskultur hernehmen, dann ist es eigentlich aufgelegt, dass sich nicht nur diese Dynamiken wiederholen, sondern auch permanent triggert. 

Ich hab ja schon mal kurz erwähnt, dass wenn die Gruppe größer wird, der Konformitätsdruck steigt. Logisch eigentlich, umso mehr Augen auf einen gerichtet sind, umso mehr hat man Druck einem Bild zu entsprechen, welches anerkannt ist. Und da wir uns ja immer mehr in Großstädten zusammenrotten und permanent mit der ganzen weiten Welt und seinen Menschenmassen verlinkt sind, ist es auch klar, dass wir den Druck sozusagen (indirekt) maximiert haben.

Und dann müsste man eigentlich noch das Puzzleteil der „Humanisten“ hernehmen. Also die Perspektive, dass die kapitalistische Einstellung unsere Gemeinschaft bzw. das Menschliche zerstört. Und wenn man Erich Fromm hernimmt, sogar einer der prägnantesten menschlichen Eigenschaft/Fähigkeit zerstört, das Lieben. 

Da fällt mir noch was Wichtiges ein, als ich mich mit Bedürfnissen und Maslow beschäftigt hab, bin ich drauf gekommen, dass die Bedürfnispyramide „falsch“ ist bzw. irreführend. Hab dann eine eigene Variante entwickelt, die für mich mehr Sinn macht. 

Also das irreführende ist ja die Struktur. Es wird ja suggeriert, dass das aufbauend ist bzw. unterschiedliche Wertungen hat. Und zusätzlich wird rübergebracht, dass das so für alle gilt.

Ok, und jetzt meine Variante:

Anschauung: Bedürfnisse, á la DRI

Ist wahrscheinlich eh selbsterklärend, aber ich erklär es mal kurz.

Also unsere Bedürfnisse sind sozusagen Bojen mit Körben, umso mehr wir bekommen, umso voller der Korb und er sinkt nach unten. Wird er leer, taucht er aus dem Wasser auf, wird sichtbar und möchte Aufmerksamkeit erzeugen.

Die Bedürfnisse sind untereinander verbunden, sie beeinflussen sich also ständig gegenseitig. Wird ein Korb zum Beispiel leer, dann kann er einen anderen aus dem Gleichgewicht bringen und sogar nach oben ziehen.

Ok, das wars auch schon wieder, haha. Und was bringt das jetzt? Naja ist ja eine komplett andere Sichtweise auf die Sache und zusätzlich selbst entwickelt, was ich sowieso jedem nur empfehlen kann, als irgendwas auswendig zu lernen (kann nämlich auch kompletter „Blödsinn“ sein).

Ich versteh zwar schon sehr gut, dass so eine aufbauende, einfache Pyramide einfach in die Köpfe geht und plakativ ist, aber meine Variante ist glaub ich gar nicht so weit von dem Effekt entfernt. Und berücksichtigt die unterschiedlichen Ausprägungen bzw. die Beeinflussungen.

Oder wie ich schon im Text „Toduko“ angedeutet habe, werden oft Begriffe mit der Zeit verfälscht bzw. falsch weitervermittelt. Kann ja auch auf die Bedürfnistheorie von Maslow zutreffen, grundsätzlich. Ist ja mit dem Begriff „Brainstorming“ auch passiert, da wurde ja was ganz anderes daraus gemacht, und hat den ursprünglichen Effekt vollkommen verfehlt, aber das ist eine andere Story.

Ah an dem Punkt fallen mir gerade die Begriffe Kreativität und Flow ein. Also Csikszentmihalyi hat da ja einiges dazu geforscht/geschrieben. Aber was ich sehr sehr interessant fand, ist, dass es um das Fehlen von Versagensängsten geht. Um in den Flowzustand zu kommen, in einen fließenden, authentischen, produktiven Zustand, braucht es Wohlgefühl als Basis.

Und wenn wir uns jetzt unsere leistungsorientierte und lieblose Gesellschaftsform hernehmen, ist es eigentlich nicht sehr verwunderlich, dass wir immer seltener in den Flow kommen. Ständig werden wir mit unseren vermeintlichen Unzulänglichkeiten konfrontiert. Sind wir schön genug, verdienen wir genug, leisten wir genug, sind wir funktionstüchtig genug, leben wir gesund genug, sind wir sportlich genug usw.

Sag mal, sind wir überhaupt irgendwann mal genug bitte??!!

Auf der anderen Seite gibt es die „Unicorn-Bewegung/Trend“. Also das Einhorn-symbol, um zu untermauern, dass man so wie man ist einzigartig ist. Das kommt ja nicht von irgendwo her, ist eine eindeutige Antwort auf unsere Lebensweise. Wir spüren alle was hier abgeht, haben nur oft keine Worte dafür, leider.

Wenn man es überspitzt, ist es quasi ein Ausruf: Hey ihr alle, ich bin ok wie ich bin! Liebt mich so wie ich bin!

Ist schon ne halbwegs gute Strategie, muss ich schon sagen. Ist selbstwertsteigernd und ein Statement. Aber höchstwahrscheinlich wenig effektiv, also auf längere Zeit gesehen. Denn man kann zwar mit einem Unicorn T-Shirt in die Arbeit gehen, aber wenn man dann dort wie eine Ware behandelt wird, dann wird der super Effekt wahrscheinlich fast sogar nach hinten losgehen. Aber ok, auch das ist eine andere Story.

Ich möchte mal wieder zurück zum Anfang gehen, also den ursprünglichen Faden wieder aufnehmen. Wie liebenswert wir uns fühlen, hängt sehr stark von unserer Umgebung ab. Das klingt so logisch, dass man denkt, dass man das gar nicht erwähnen muss. Aber ist leider bissl anders.

Unser Weltbild/Weltanschauung kreieren wir im Laufe unseres Lebens. Unsere Erfahrungen bleiben als Bilder und Gefühle hängen. Manche Menschen machen viele positive/angenehme/aufwertende Erfahrungen, andere machen genau das Gegenteil, und wahrscheinlich die Mehrheit erlebt ein Mischmasch daraus. Diese Erfahrungen  werden zu Synapsenbahnen in unserem Gehirn, es legt also nahe was wir in Zukunft denken. Es legt nahe, was wir in Zukunft fühlen.

Was ich damit sagen will, die vergangene Umgebung wird somit auch irgendwie die Momentane. Also es gibt einerseits natürlich den aktuellen Umgebungseffekt und aber auch den Vergangenen. Und da wirds knifflig, weil der einem nicht bewusst ist. Ok, auch das ist schon lange bekannt, jaja Unbewusstes und Kindheitserfahrungen, blabla.

Ich möchte aber noch einen dritten „Effekt“ dazuholen. Wir sind nicht nur das, was wir erlebt haben und auch nicht nur das was wir gerade erleben, wir sind auch das was wir uns vorstellen können. Manche Dinge haben wir noch nie erlebt, aber es drängt uns dort hin. Wir glauben daran, sind überzeugt davon. Das ist der Schlüssel für Veränderung; Fantasie und  erarbeitete, persönliche Überzeugung.

In einem Gespräch mit meinem Bruder, der mit der Aussage aufwartete: Wir sind das Produkt unserer Erfahrungen, habe ich gedacht meine Sichtweise ist eine Gegenposition. Aber eigentlich ist es ganz anders, seine Aussage ist richtig, nur nicht komplett.

Ja, wir sind das Produkt unserer Erfahrungen, ganz richtig. Aber wir Menschen haben eine Superkraft sozusagen: Fantasie. Wir können uns mehr vorstellen als momentan da ist. Können in andere Welten und Wirklichkeiten reisen. Diese Fähigkeit können wir bei uns selbst auch anwenden.

Nicht umsonst arbeiten so viele Selbsthilfebücher mit dieser Grundaussage. Und es ist eigentlich im Kern immer die selbe: Glaube an Veränderung, liebe dich selbst.

Und wenn ich ehrlich bin, man kann das tausend mal hören, und trotzdem bleibt nix hängen. Warum? Weil man den Weg selbst gehen muss, man muss sich jeden Schritt selbst erarbeiten. Man muss jede Synapsenbahn selbst überprüfen und überschreiben. Sonst fühlt sich das einfach nur nach Blödsinn an, weil man ja ein komplett anderes inneres Erleben hat. Denn man hat ja ganz andere Erfahrungen gemacht, man fühlt andere Dinge usw.

Also Fazit ist: Es gibt keine Patentlösung, leider nein. Aber es gibt verdammt gute Strategien, um seinen eigenen Weg zu verändern.

Die Passenden muss man sich raussuchen, das kann niemand für einen machen, weil niemand so gut wissen kann, was man selber braucht. Aber man kann das mit netter Gesellschaft tun 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code