Wann?

Ich habe es gesehen; wie Menschen aufgeben, zermürbt von der Vergangenheit. Tiefe Traurigkeit über unerfüllte Wünsche, beißender Schmerz über lieblose Worte, Ohnmacht über ausbleibende Gerechtigkeit.

Ich habe gesehen, wie Menschen krank wurden, verwelkend mit viel Schmerz als Begleiter. Ich habe gesehen, wie sie hinnehmen was ihnen vorbestimmt. Ich habe gesehen, wie sie daliegen, ohne Regung, ohne Puls, fast wartend auf eine tragende Berührung. Ich stehend, aushaltend. 

Ertragend, obwohl fast nicht ertragbar. Alles wird surreal, alles verliert Halt, man selbst gefangen in einer zeitlosen Blase. Den Blick verweilend auf Grausamkeit und Erbarmungslosigkeit. Man möchte wegsehen, fliehen, entkommen.

Aber es hält einen fest, ummantelt von Ketten, eingefroren in den eigenen Tränen.

Gedanken kommen: Wann endet es nur endlich?

Keiner antwortet.

Aber was kam, waren Reaktionen. Blicke der Verachtung, des Mitleids, der Überforderung, der Abneigung.

Gedanken kommen: Was stimmt mit mir nicht? Was seht ihr in mir, was euch so anekelt? Was ihr ablehnen müsst?

Es war nicht ich. Es war verdammt nochmal der Schmerz den sie selber nicht ertragen konnten. Und sie haben mich und sich selber damit beschämt.

Es war die „falsche“ Frage die ich stellte. Wann endet es nur endlich? Es endet nie.

So schrecklich, zerreißend und überfordernd es ist; es ist. Ohnmacht ein Teil dieser Welt, Teil meiner.

Es ist meine Lebensgeschichte, meine Erfahrungen. Ich habe mir sie weder ausgesucht, noch konnte ich sie vergessen. Was ich aber kann, ist mich als wertvoll, als Bereicherung ansehen, unabhängig davon, ob es andere können.

Was Selbstliebe ist? Es ist die Entscheidung zu sich zu stehen, sich wohlwollend zu betrachten, all seine Facetten als Teile des Ganzen zu betrachten. Es ist ein Gefühl der Wärme, eine ruhige endlose Welle in einem, die nicht wertet, sondern fließt, da ist, egal wie man ist, egal wer man ist, egal was man ist. Es ist die Bereitschaft sich von Dingen zu lösen, die einem nicht gut tun, auch wenn es weh tut. Es ist der Wille für sich einzustehen, die Aggression für sich zu kämpfen, die Sturheit bei sich zu bleiben. Selbstliebe ist nicht nur Blümchen und Vergebung. Es ist Kraft, es ist Lebensmut. Es geht um Selbstdefinitionen, Widerspruch, Beständigkeit und Flexibilität. Es geht um Raum für sein eigenes Wesen, um eigene Rechte erkennen und seinen Gefühlen zu vertrauen.

Selbstliebe ist nicht Selbstzufriedenheit oder stures positives Denken. Es ist nicht Egostreicheln oder Selbstwertaufbau. Selbstliebe ist zu sich finden, ohne auf die Bewertungen anderer zu achten. Es ist kein einmaliges Tun, es ist ein Prozess, Fähigkeit, Einstellung.

Selbstliebe ist nicht Meditieren und Beten. Es geht um Erforschen und Konfrontieren. Um Ertragen und Pendeln. Um Fühlen und Verstehen.

Es geht um Fragen stellen. Und sie wieder anzupassen.

Meine Frage war: Wann endet es nur endlich?

Ich kann sie jetzt umformulieren: Wie kann ich es ertragen, dass es nie aufhören wird?

Und noch weiter: Was brauche ich, damit dieser Teil von mir seinen Platz finden kann?

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