Grübeln

Buch: Pathologisches Grübeln – Tobias Teismann, Thomas Ehring

Habituelles Grübeln – im Englischen als Rumination (vom lateinischen ruminare=wiederkäuen) bezeichnet (…).

(…): Während Sorgen sich auf Ereignisse beziehen, die in der Zukunft geschehen könnten („Was wäre, wenn…?“), drehen sich Grübelgedanken v.a. um vergangene (bzw. bereuts eingetretene) Ereignisse („Warum fühle ich mich so?“, „Warum passiert immer mir das?“).

Die sogenannte „Zwei-Minuten-Regel“ von Addis und Martell (2004, S.97) (…). Wenn Sie unsicher sind, ob Sie grübeln oder nachdenken, fahren Sie für zwei Minuten mit dem fort, was Sie tun. Stellen Sie sich danach drei Fragen:

  1. Bin ich mit einer Problemlösung vorangekommen?
  2. Habe ich etwas verstanden, was mir vorher noch nicht klar war?
  3. Bin ich in der Zeit weniger selbstkritisch und/oder weniger depressiv geworden?

Sofern Sie nicht eine der Fragen klar bejahen können, grübeln Sie wahrscheinlich!

(…): Grübeln führt zur Intensivierung negativer Stimmung und negative Stimmung führt zu vermehrtem Grübeln.

Items der RSQ-Brooding-Skala

Wenn ich mich traurig oder niedergeschlagen fühle,…

  • … denke ich: „Warum reagiere ich immer so?“
  • … denke ich über eine zurückliegende Situation nach und wünsche, dass diese besser gelaufen wäre.
  • … denke ich: „Womit habe ich das verdient?“
  • … denke ich: „Warum habe ich Probleme, die andere Leute nicht haben?“
  • … denke ich: „Warum kann ich mit den Sachen nicht besser fertig werden?“

Grübeln als mentale Gewohnheit

Grübeln als Vermeidungsverhalten

(…) Martell und Kollegen (2010) mutmaßen, dass Grübeln der Vermeidung einer potenziell anstrengenden, frustrierenden und/oder erfolgslosen Auseinandersetzung mit Umwelt und Problemen dienen könnte. (…) Zudem kann Grübeln als Entschuldigung für Inaktivität dienen („Indem ich darüber nachdenke, tue ich ja etwas“).

Exzessives Grübeln ist wahrscheinlicher, wenn Personen sich Ziele setzen, die schwer zu erreichen sind: Dazu gehören zum Beispiel perfektionistische Ziele, unklar definierte Ziele, oder der Wunsch, eine Antwort auf eine Frage zu bekommen, die prinzipiell nicht zu beantworten ist (z.B. „Warum ist gerade mir das Unglück passiert?“).

Grübeln wird exzessiv, wenn Personen nur geringe Fähigkeiten besitzen, ihre Ziele zu erreichen, z.B. geringe Problemlösefähigkeit oder einschränkte soziale Kompetenzen haben.

Positive Metakognitionen über das Grübeln

  • Ich muss herausfinden, warum ich so geworden bin, damit ich mich verändern kann. (…)
  • Grübeln hilft mir, mich auf Enttäuschungen und Schwierigkeiten vorzubereiten.

Negative Metakognitionen unterstellen hingegen Nachteile oder Gefahren bestimmter Gedanken und Denkweisen. (…)

  • Ich habe keine Kontrolle über mein Grübeln.
  • Das viele Grübeln zeigt, dass mit meinem Gehirn etwas nicht stimmt.

Im Objektmodus werden Gedanken als Tatsachen oder wie externe Ereignisse behandelt. Es findet keine Unterscheidung zwischen Gedanke und Person statt (z.B. „Ich genüge nicht!“). Im metakognitiven Modus ist sich eine Person bewusst, dass ein Gedanke nur ein Gedanke ist („Ich habe den Gedanken, dass ich nicht genüge“).

Grübelfokussierte Verhaltensanalyse

(…): Mehr und mehr ging es darum, warum Sie nie dazu gehören, warum andere Sie nie wirklich mögen, warum Sie als Person nicht liebenswert sind (Grübeln).

Grübeln ist ein alltägliches Phänomen und kein Zeichen von Schwäche, Unzulänglichkeit oder Merkwürdigkeit.

Habituelle Vielgrübler neigen dazu, Erfahrungen/Ereignisse in ihrem Leben auf passive, abstrakte und bewertende Weise zu analysieren. Schwierigkeiten werden dabei vielfach auf unveränderbare Persönlichkeitseigenschaften zurückgeführt.

(…): Eine Fastregel besagt, dass es 60 bis 100 Wiederholungen braucht, um eine neue Gewohnheit auszubilden.

Insbesondere die imaginative Vergegenwärtigung von Absorptionserlebnissen (Flow) und Mitgefühlserfahrungen (Compassion) wird als Gegenmittel zu anhaltendem Grübeln genutzt.

Mögliche Alternativstrategien lassen sich nach Martell et al. (2010) in die Strategien Problemlösen, Konzentration auf gegenwärtige Sinneseindrücke, Fokussierung auf aktuell anstehende Aufgaben und Ablenkung untergliedern.

Je mehr die gedankliche Auseinandersetzung den spezifischen Kontext einer problematischen Situation berücksichtigt („Ich habe in einer bestimmten Situation einen bestimmten Fehler gemacht, als ich mich auf eine bestimmte Weise gefühlt habe und zu einer bestimmten Zeit, mit einer bestimmten Person an einem bestimmten Ort war“), desto unwahrscheinlicher werden extreme, weitreichende Schlussfolgerungen und (Selbst-)Bewertungen.

Was würden Sie häufiger/seltener machen, wenn Sie sich mehr um sich selbst kümmern würden? (…)

Wir haben jetzt verschiedene Aktivitäten identifiziert, in denen es Ihnen gelingt, ganz aufzugehen. Wie wäre es, mehr von diesen Aktivitäten in Ihren Alltag einzubauen? (…)

Letztlich handelt es sich um eine „Tu-Nichts“-Idee: Nehmen Sie wahr, dass bestimmte Gedanken da sind, lassen Sie sich aber nicht provozieren; fangen Sie nicht an, mit den Gedanken zu diskutieren. Versuchen Sie auch nicht, die Gedanken loszuwerden oder zu unterdrücken!

Grübelaufschub

Gab es Situationen, Momente, in denen Sie Probleme gut lösen konnten oder Einsicht gewonnen haben, ohne im Vorfeld zu grübeln?

Sie sagen, Grübeln ist wichtig, weil Sie Antworten suchen. Seit wann grübeln Sie schon? Wie viele Antworten haben Sie schon gefunden?

Tobias Teismann, Thomas Ehring

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code