Mut

Wirklich mutig zu sein, kann auch bedeuten, dass wir uns verletzlich zeigen. Und das werde ich jetzt tun.

Ich habe in letzter Zeit eine Liste gemacht, die ich immer wieder erweitert habe. Auf dieser Liste stehen meine Glaubenssätze:

  1. Ich glaube, erst wenn ich etwas Besonderes tue, dass ich liebenswert bin.
  2. Ich glaube, dass (alle) andere Menschen mich verletzen wollen.
  3. Ich glaube, wenn ich mich (entspanne) nicht bemühe, als Alkoholikerin im Beisl lande.
  4. Ich glaube, wenn ich einen Fehler mache, ausgelacht und/oder gedemütigt werde.
  5. Ich glaube, dass meine Wahrnehmungen anders/falsch sind.
  6. Ich glaube, andere würden auf mich herabschauen und mich schlecht sehen/behandeln.
  7. Ich glaube, dass ich erst angenommen werde, wenn ich mich bemühe den Erwartungen anderer zu entsprechen.
  8. Ich glaube, dass Frauen gefährlicher sind als Männer.
  9. Ich glaube, dass ich die einzige Gestörte bin.
  10. Ich glaube, dass ich eine psychische Störung habe.
  11. Ich glaube, dass ich eine Versagerin bin und nichts auf die Reihe bekomme.
  12. Ich glaube, dass Probleme schwierig zu lösen sind.
  13. Ich glaube, dass alle anderen besser sind als ich.
  14. Ich glaube, dass ich nie genug bekommen werde.
  15. Ich glaube, dass ich irgendwas herausfinden muss.
  16. Ich glaube, dass ich wertlos bin, wenn ich nicht arbeite.
  17. Ich glaube, dass ich nicht tun darf, worauf ich persönlich Lust habe.
  18. Ich glaube, wenn ich schüchtern bin, dass ich abgelehnt werde.
  19. Ich glaube, dass ich nirgends dazugehöre.
  20. Ich glaube, dass es im Grunde besser gewesen wäre, wenn ich nie geboren wäre.
  21. Ich glaube manchmal, alles ist eine Lüge.
  22. Ich glaube, was ich zu erzählen habe interessiert keinen.
  23. Ich glaube, dass ich mehr für mein Äußeres gemocht werde, als für mein Wesen.
  24. Ich glaube, Nicht-gesehen-werden ist immer besser.
  25. Ich glaube, herausfinden zu müssen was ich tun soll.
  26. Ich glaube, kein Anrecht auf ein gutes Leben zu haben.
  27. Ich glaube, mir über meine Selbstkontrolle Sicherheit verschaffen zu können.
  28. Ich glaube, nicht verletzlich sein zu dürfen, sondern stark sein zu müssen.
  29. Ich glaube, dass ich nur gemocht werde, wenn ich etwas leiste.

Als nächsten Schritt habe ich versucht mich nicht mehr damit zu identifizieren. Das sind zwar meine Glaubenssätze und deswegen auch meine ständigen Begleiter/inneren Stimmen, trotzdem bleiben sie was sie sind, Sätze.

Und wenn ich mir diese Sätze genau anschaue, dann ist es eigentlich extrem logisch warum ich so denke. Das sind meine Erfahrungen. Es sind Glaubenssätze von mir bekannten Menschen und es sind direkte persönliche Erfahrungen.

Diese eingebrannten Gedanken sollten mich schützen, vor weiteren Verletzungen. Der eigentliche Schutz vor Verletzungen wurde aber heute zu einer Selbstverletzungs-Maschine.

Es sind wiederkehrende Gedanken, die sich so verdammt echt anfühlen, dass man sie sehr schwer identifizieren kann. Das ist einer meiner großen Fragen bei diesem Thema: Wie kann man herausfinden, ob mein Gedanke mit einem hinderlichen Glaubenssatz zu tun hat, oder ob er wahr ist?

Bis jetzt habe ich nur ein relativ einfaches Indiz dazu gefunden, unsere Emotion. Wenn wir uns dadurch sehr schlecht fühlen, dann kann man davon ausgehen, dass es ein hinderlicher (alter) Glaubenssatz ist.

Lustigerweise hat mich auch diese Aussage verunsichert, haha. Und das hat direkt mit Punkt 5 zu tun: Ich glaube, dass meine Wahrnehmungen anders/falsch sind. Blöde Situation, wenn man seinen eigenen Wahrnehmungen nicht vertrauen kann.

Dazu kann ich nur sagen: „Der Körper lügt nicht.“ Er hat absolut keinen Grund dich anzulügen, weil er immer auf deiner Seite ist.

Das einzige was manchmal verwirrend sein kann, ist, dass er übermäßig reagiert, während du gleichzeitig keinen Tau hast, warum. Das betrifft alle Menschen die Traumata erlebt haben. Das Nervensystem schnellt dann hoch, weil irgendwas an die damalige Situation erinnert. Also ein natürliches Warnsystem. Und wenn es aktiv ist, dann ist auch irgendwas. Das einzige was falsch sein könnte, ist dann unsere Bewertung: Ich fühle mich wie damals, dann muss auch genau sowas passieren. Und das ist dann weniger korrekt. Es gibt nur ein Indiz, welches sich mit einer alten Situation deckt, aber es ist nicht genau die selbe Situation!

Aber was macht man dann mit diesen Gefühlen?

Ich habe mehrere Strategien ausprobiert, und einige haben das Ganze noch schlimmer gemacht. Im Endeffekt bin ich davon überzeugt, dass man diese Gefühle ernst nehmen muss (!). Zweitens braucht man eine Zeit lang eine Umgebung, wo nicht ständig getriggert wird. Erst dann kann man langsam unterscheiden, ob man sich jetzt real schützen muss, oder ob man das Gefühl einfach verdauen muss, bzw. drüberleben muss.

Drittens braucht man Unterstützung bei dieser Regulation. Also mindestens einen Menschen, der einen regelmäßig positiv spiegelt, der dann zu einer sicheren Basis werden kann.

So gesehen müssen wir Traumatisierten von Vorne beginnen. Die Entwicklungsschritte Schritt für Schritt nachholen. Und die erste große Aufgabe ist nunmal Urvertrauen (siehe Blogbeitrag: Meeting). Dieses hat sehr viel mit Grenzwahrung zu tun. Kann ich mich darauf verlassen, dass mich meine Umgebung nicht verletzen wird?

Für die meisten Menschen ist das selbstverständlich, dass sie sich unbesorgt zwischen Menschen aufhalten können. Für einige andere ist das aber mit erheblichen Stress verbunden, erstrecht, wenn die anwesenden Menschen sich ähnlich verhalten, wie Menschen aus der Vergangenheit, die einen (schwer) verletzt haben.

Abgesehen davon, dass gute Beziehungen sowas wieder heilen können, kann man auch in Einzelarbeit Vorarbeit leisten, wie z.B. sich einige Gedankenprozesse bewusst machen. Das erfordert zwar Mut, aber macht einen im Endeffekt stärker.

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