Heil werden

Buch: Auch alte Wunden können heilen – Dami Charf

Durch Entwicklungstraumata werden Muster angelegt, wie wir die Welt wahrnehmen.

Ein Leben mit einer Traumatisierung ist sehr anstrengend, denn diese zeigt sich praktisch in allen Lebensbereichen.

Die meisten Betroffenen entwickeln eine genaue Selbstbeobachtung. Die eignen Gefühle werden immer sensibler analysiert, und so entwickelt sich das Ganze zum Selbstläufer: Der Mensch nimmt Spannungen wahr und interpretiert diese als Angst. Er will das Gefühl kontrollieren, merkt, dass er dazu nicht in der Lage ist, die Angst wächst, und so geht es weiter, wie bei einer Lawine, die langsam in Gang kommt.

Wenn eine Bezugsperson in der Lage ist, feinfühlig auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen, so fühlt sich dieses nicht nur körperlich, sondern auch geistig gehalten.

Wenn die Interaktion mit den Bezugspersonen hingegen anhaltend und ständig wiederkehrend gestört ist, kommt es zu einem Entwicklungstrauma.

Vertrauen ins Leben zu haben, die innere Überzeugung, einen Platz auf dieser Welt zu besitzen und Teil einer Gemeinschaft zu sein, schenkt Menschen eine enorme Sicherheit. Eine Sicherheit, die für viele von uns kaum vorstellbar ist.

Übrigens: Die Bindungs- und Traumaforscherin Marion Solomon fand heraus, dass ein Mensch mit einem unsicheren Bindungsmuster, der eine Beziehung mit einem sicher gebundenen Menschen eingeht, etwa vier Jahre benötigt, damit sich sein unsicheres in ein sicheres Bindungsmuster ändern kann. Es besteht also immer Hoffnung!

Die Idee, dass man allen verzeihen müsste, um ein glückliches Leben führen zu können, kann sich auf früh traumatisierte Menschen sehr schädlich auswirken. Verzeihen ist meiner Meinung nach ein Prozess, der erst ganz am Ende der Bewältigung der eigenen Geschichte stehen kann – nicht muss.

Die einzige Person, der wir unbedingt verzeihen sollten – so unlogisch das für den Verstand klingen mag -, sind wir selbst.

Menschen, die wenig verkörpert, aber hochenergetisch leben, bewegen sich in einem Paradox: Einerseits sichern sie das Gebiet um sich herum weitläufig ab, andererseits sind sie nicht fähig, ihren persönlichen Raum ausreichend zu fühlen oder zu schützen.

Es ist wichtig für sie, trauern zu lernen, die Einsamkeit und die fehlende Zuwendung in ihrer Kindheit zu betrauern.

Sie neigen dazu, sich zurückzuhalten, weil sie überzeugt sind, verlassen zu werden, wenn sie ihre Kraft und Lebensfreude ausleben würden.

Ein Teil unserer Persönlichkeit, der innere Kritiker, ist hochaktiv und sondert pausenlos seine Kommentare ab.

Sie müssen unterscheiden lernen, dass sie manchmal Dinge tun, die eine andere Person nicht mag, sie aber trotzdem liebenswert sind und nicht als gesamter Mensch abgelehnt werden.

Was müssen wir also tun, um mit der Zeit neue Handlungsmuster und ein neues Lebensgefühl bilden zu können? (…):

  • Den eigenen Körper wieder zu fühlen und darin Heimat zu finden,
  • die Selbstregulation zu erhöhen,
  • Emotionen regulieren zu lernen,
  • die eigene Kontakt- und Beziehungsfähigkeit zu stärken.

Soziale Zurückweisung oder Einsamkeit aktivieren dieselben Hirnkreisläufe wie akute Gefahr durch eine gefährliche Wildkatze.

Es geht darum, sich nicht oder nur wenig mit den eigenen Emotionen und Gefühlen zu identifizieren.

Es ist außerordentlich wichtig, dass wir lernen, Gnade mit uns selbst zu haben und mit den Gefühlen, die wir empfinden.

Eine Verknüpfung mit einer existenziellen Bedeutung für unser Leben ist die Überzeugung, falsch zu sein. Behandeln Eltern oder Bezugspersonen Kinder nicht gut, so glauben diese, dass sie falsch sind.

Scham ist eine Emotion, die das Selbst einer Person zerstören kann. Das Ich zerbricht unter der toxischen Last, sich >>falsch<< zu fühlen.

Toxische Scham und Entwicklungstrauma entstehen durch Beziehungen zu anderen, die verletzend waren.

Scham und die Furcht vor Verletzung hindern uns daran, unser Leben zu leben und unsere Potenziale zur Entfaltung zu bringen, weil die Angst vor Bewertung und Zurückweisung so tief in uns verankert ist.

Verletzlichkeit und Hingabe sind also aktive Prozesse: Ich entscheide mich dafür, mein Herz zu öffnen und mich berühren zu lassen. Ich entscheide mich dafür, mich hinzugeben.

Traumatische Ereignisse sind immer eine Grenzüberschreitung und hinterlassen Spuren in dem Raumgefühl eines Menschen.

(…): Das Nein zu den anderen ist das Ja zu sich selbst. Können Menschen keine Grenzen setzen und denken sie, sie müssten es allen recht machen, so werden sie sich verlieren und irgendwann (hoffentlich) aufwachen und sich selbst vermissen.

Dami Charf

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